Verharren oder sensationelle Attraktionen in sich entdecken

Sich selbst neu zu erfinden als bahnbrechende Idee fällt zunehmend mehr oder weniger interessanten Menschen ein.  Die Neuerfindungen in unterschiedlich prominenter Ausprägung  präsentieren sich als einzigartige Sensation indem sie an Talkshows teilnehmen oder sich per Stories und Reportagen mitteilen.

 

Irritierende Einschnitte im Daseinslauf und im Lebensalltag entfesseln selten den Drang, sich neu zu erfinden. Viel eher dominiert im Fall solcher Störungen die Verlockung des Verharrens – zum Beispiel, wenn sich Veränderungen in zwischenmenschlichen Verbindungen unter Eltern, zwischen Lebensgefährten, in Familien ergeben, wenn geschäftliche Gemeinschaften auseinanderbrechen, wenn beruflich vertraute Grundlagen wegfallen.

Den Störungen im Dasein verharrend zu entsprechen könnte als Taktik des Aussitzens zu akzeptieren sein: Warten, bis alles irgendwie und irgendwann vorbei gegangen ist.

Warten, aussitzen und ignorieren oder sich ängstigen , sich beklagen, schwarzmalen?

 

Verharren und Abwarten kann gleichgesetzt werden mit dem Ignorieren entstehender Freiräume – zeitlicher wie auch örtlicher Freiräume:

Freiräume, frei von gewohnter Besorgnis und Enge – stattdessen mit sichtbar gewordenen Perspektiven, ohne die störende Statur von sich wichtig nehmenden Leuten in Blick.

Sich zu entscheiden, Störung im Dasein als unweigerlich gesetzt zu registrieren, eröffnet die Chance, sensationelle Attraktionen zu entdecken:  Die Sensation, attraktive Perspektiven bislang unbeachtet gelassen zu haben.

Die sensationelle Attraktivität bislang ungenutzter Fähigkeiten, sich auf zwischenmenschliche Abfolgen variantenreich einzulassen, toppt jede Neuerscheinung aus den Talkshows, Stories und Reportagenerlebnisnah und erlebenswert.

 

Wenn beim Rumgurken auf ausgefahrenen Gleisen Störung signalisiert wird, erscheint die Möglichkeit, neben der ursprünglichen Streckenführung einen Weg zu bahnen, als vernünftig, angemessen und vielleicht auch als Eröffnung sensationell attraktiver Perspektiven.

Hannelore Haupt

 

 

Wer die Wahl hat, hat die Qual der Angst vor der Entscheidung

Das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen als Daseinsmotto erscheint als sichere Basis in der Ausrichtung unseres Daseins. Wenn allerdings als einzige Antwortmöglichkeit auf die Frage nach „richtig oder falsch“ die Phrase „die einen sagen so und die anderen so“ bleibt, kommt der Angst vor der Entscheidung ein solider Stellenwert zu.

„Falschheit ist das Gegenteil von Wahrheit“ stellte ein elfjähriger Junge in einer Familienkonferenz für streitende Trennungseltern und deren Kinder fest – offensichtlich überwältigt von seiner Erkenntnis. Der elterliche Anspruch, das Richtige zu tun und das Richtige vom Kind zu erwarten war dem Forschen nach Falsch und Wahr entgegen gesetzt worden. Die Möglichkeit, mindestens zwei und hierbei wesentlich mehr Wahrheiten zu entdecken, sobald Streit, „mitspielt“, ließ die Kinder eifrig und die Eltern nachdenklich werden: Eltern, Großeltern, nähere und weitere „Schaften“ aus Freunden, Bekannten und Verwandten bringen weitere Wahrheiten ein. Und, wenn es ganz bitter kommt, steuern Behörden und Sachverständige weitere Wahrheiten mit dem Anspruch auf Richtigkeit bei.

Die Familienkonferenzen und vergleichbare Veranstaltungen mündeten regelmäßig in Absichtserklärungen, künftig wie Forscher nach falsch und wahr zu fragen – nicht nach richtig. Lediglich die Reihenfolge des Fragens sollte angesichts der Vertrauensbeziehung zwischen Familienmitgliedern nicht mit „falsch“, sondern mit „wahr“ beginnen.

 

Hat die Qual der Angst vor der Entscheidung mit den „Erkenntnisblasen“ der „Erkenntnis-Schaften“ zu tun? Sind es die „find-ich-gut“-Signale, die in  den „Blasen“ der „Schaften“ gesammelt werden, mit den „find-ich-gut-Signalen“ [Likes?] die wir abgeben, wenn wir dazu gehören wollen, wenn wir auf der richtigen Entscheidungsseite stehen wollen?

Wenn das Richtige gezeigt und als solches angepriesen werden soll, muss der Wahrheitsgehalt überprüfbar sein, inwieweit das Richtige auch wahrhaftig das Richtige ist. „Gibst Du mir, geb ich Dir“ funktioniert als Formel unter diesem Vorzeichen nur, wenn das Falsche ausgeschlossen werden kann.

„Findest Du mich gut, finde ich Dich gut und wenn mich viele andere gut finden, finden die gut, dass Du mich gut findest ….“ ist der Handel ohne Bestätigung und ohne Abschluss. Mit diesem Handel kommt Angst auf – Angst vor der quälenden Erkenntnis, dass niemand unter den Handelnden weiß, was an der anderen Person eigentlich gut ist und wie es dazu kommt, dass dies gut sein könnte … / Hannelore Haupt